Gedanken zur Diagnose "Teilleistungsstörung"

Es gibt viele Begriffe, welche beschreiben, dass die neurokognitiven Funktionen im Gehirn eines Menschen nicht so ablaufen, wie es der Norm entspricht: Dysfunktion, (Funktions-)Störung, Krankheit, Behinderung, Handicap, Besonderheit…

Schade, dass solchen Diagnosen immer noch dieses Stigma von „du bist nicht normal“ im Sinne von „du gehörst nicht dazu“ anhaftet; denn eigentlich ist es ein Segen, wenn man eine genaue Diagnose hat – so weiss man nämlich viel besser, wo und wie man mit der Förderung ansetzen kann!

 

Aus eigener Erfahrung empfehle ich Eltern, die Diagnose so als Begriff zu verwenden, wie sie vom Arzt oder einer anderen Fachperson gestellt worden ist. Denn damit signalisiert man dem betroffenen Kind, dass das eine (ärztliche) Diagnose ist wie jede andere auch, welche man zum Beispiel erhält, wenn man "Halsweh" hat, und die der Arzt ja stellt, weil er dem betroffenen Kind entsprechend zu helfen versucht. Kinder sind mit solchen Diagnosestellungen wie z.B. "Reizhusten" schon konfrontiert worden, und es macht Sinn, wenn man diese andere (nun eben das Gehirn betreffende) Diagnose ebenso behandelt: damit ordnet sie auch das Kind in die Kategorie "Krankheit" ein (was sie in medizinischem Sinn auch ist!), und zugleich weiss es, dass "man da nichts dafür kann".

 

Bei Kleinkindern kann man die Diagnose vereinfacht erklären; herunterspielen würde ich sie jedoch nie, denn selbst kleine Kinder haben schon feine Sensoren - auch dafür, dass sie eben anders sind und nicht neurotypisch, auch wenn sie das noch nicht so benennen können!

 

Grösseren Kindern kann man auch erklären, dass eine Diagnose grundsätzlich nicht gewertet werden muss, und dass damit lediglich ein spezifischer Teil der körperlichen Funktionen einer Person beschrieben wird und keinesfalls der Charakter mit gemeint ist!

Anja Freudiger beschreibt in ihrer illustrierten Geschichte "Mein grosser Bruder Matti" bildhaft, was die Diagnose "ADHS" bedeutet. Das Buch richtet sich an Kinder ab 5 Jahren. Ich habe ihr Erklärungsbild übernommen und leicht modifiziert; so kann es (jeweils leicht angepasst) für die Erklärung aller neurokognitiver Störungen herangezogen werden.

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Erklärungsteil 1 zum Bild:

 

Die Landschaft ist das Gehirn. Dort hat es viele Briefkästen (=Speicherzentren). Unzählige verschiedene kleine Strassen (=Nervenbahnen) führen zwischen den einzelnen Briefkästen hin und her. Die Postboten (=Neuronen) haben die Aufgabe, Briefe (=Informationen) vom einen Briefkasten zum nächsten zu bringen. Und das möglichst schnell!

Der neurotypische Postbote wählt den pinken Weg. So kommt er schnell, ohne Umwege und ohne grosse Anstrengung ans Ziel.

Der neurodivergente Postbote wählt den türkisen Weg. Auch er kommt zuverlässig ans Ziel. Aber er braucht etwas länger und kommt ein wenig aus der Puste.

Erklärungsteil 2 zum Bild:

Man erkennt also: beide Wege führen ans Ziel. Der eine direkt, der andere auf einem Umweg.

Direkte Wege sind kürzer. Und man kann auf ihnen ohne viel Energie vorwärtskommen.

Umwege dagegen sind anstrengender, und man braucht auf ihnen mehr Zeit.

Erklärungsteil 3 zum Bild:

Welcher Postbote macht es nun besser? Es kommt darauf an, worauf man Wert legt!

Der direkte Weg ist schnell und kurz, aber man sieht beim Spazieren dasselbe wie die meisten anderen Postboten auch.

Der Umweg ist lang und anstrengend, aber man erhascht dabei neue Eindrücke (=Ideen): die Blumen, den Bach...

Wenn man also zum Beispiel in der Schule oder im Kindergarten eine Aufgabe möglichst schnell lösen muss, dann ist der neurotypische Postbote im Vorteil. Wenn man aber eine Aufgabe möglichst kreativ lösen muss, dann ist der neurodivergente Postbote im Vorteil.

C. Jäggi, Jan. 2019